Xbox-COO hielt ein Quartal durch – das sagt viel über den Plan
Helen Chiangs Abgang drei Monate nach Schaffung der ersten COO-Stelle bei Xbox belegt kein Chaos, lässt den „Neustart“ aber weniger gefestigt wirken, als Microsoft uns glauben machen will.
Foto: Xbox / sala de prensa (uso editorial)
Wie nennt man eine Stelle, die ein ganzes Unternehmen zusammenhalten sollte und vor Ablauf des ersten Quartals wieder unbesetzt ist? Im besten Fall ein missglücktes Experiment. Im schlimmsten Fall eine Warnleuchte. Die erste Chief Operating Officer in der Geschichte von Xbox ist nach drei Monaten weg, und das Schweigen des Unternehmens lässt die Warnleuchte deutlich heller blinken.
Das wissen wir. Wie Notebookcheck berichtet, verließ Helen Chiang Microsoft am 23. Oktober nach 21 Jahren, so ein Memo von Xbox-CEO Asha Sharma, über das zuerst The Verge berichtete. Das Memo nannte keinen Grund und keinen Nachfolger. Chiangs Aufgaben werden auf andere Xbox-Führungskräfte verteilt. Die Kommunikationschefin von Xbox sagte lediglich, das Unternehmen äußere sich nicht zu einzelnen Personalangelegenheiten. Eurogamer erfuhr zudem von einer Quelle, sie sei angeblich „wegen Verstößen gegen Richtlinien entlassen“ worden, konnte das aber nicht überprüfen. Das ist als unbestätigtes Gerücht zu behandeln.
Die Stelle war die These des Neustarts
Das war keine Randbesetzung. Sharma schuf den COO-Posten im Juli, zusammen mit rund 3.200 Stellenstreichungen und dem Verkauf oder der Ausgliederung von vier Studios. Nach Sharmas Worten, zitiert von IGN, sollte Chiang die „durchgängige Ergebnisverantwortung (P&L) für Inhalte, Hardware, Plattform und Services“ tragen und die Geschäftsbereiche „unter einem Betriebsmodell“ zusammenführen.
Das ist die Diagnose der gesamten Umstrukturierung in einer Stellenbeschreibung: Xbox war zersplittert, jemand musste es vereinen. Diese Person nach einem Quartal zu verlieren, lässt nicht nur einen Stuhl leer. Es entfernt den Mechanismus, um den der Plan herum gebaut war. Das wiegt unserer Ansicht nach schwerer als jeder einzelne Grund für den Abgang, den wir nicht kennen.
Instabilität ja, Improvisation vielleicht nicht
Bleiben wir fair. Wir wissen nicht, ob es ein strategischer Dissens, ein Leistungsproblem oder etwas Persönliches war. Träfe das Gerücht über Richtlinienverstöße zu, ginge es um Verhalten, nicht um Strategie, und es wäre unfair, darin ein Urteil über den Plan zu sehen. Niemand sollte so tun, als wisse er mehr, als im Memo steht.
Das Muster ist aber schwer zu übersehen. Phil Spencer ging im Februar nach 38 Jahren in den Ruhestand, Sarah Bond verließ das Unternehmen zur selben Zeit. Dave McCarthys Ruhestand wurde im Juli angekündigt. Nun ist die Führungskraft weg, die Sharma für das neue Betriebsmodell einsetzte. Eine Neuorganisation übersteht einen Abgang. Eine Serie davon innerhalb eines Jahres lässt das Versprechen einer klareren, verantwortlicheren Struktur eher wie ein Wunschbild klingen.
Unsere Einschätzung: Die Richtung (Kosten senken, Entscheidungen zentralisieren, Margen korrigieren, die laut Sharma drei- bis zehnmal niedriger waren als bei vergleichbaren Plattformen und Publishern) wirkt bewusst gewählt. Die Umsetzung des Organigramms wirkt, als werde sie noch sortiert. Das ist eine mildere Aussage als „improvisierte Strategie“, und wir halten sie für die ehrlichere.
Was Spieler tatsächlich beobachten sollten
Führungsdramen lassen sich leicht abtun, deshalb hier, was sie konkret macht. Arkane Lyon, das Studio hinter Marvel's Blade, droht laut IGN ohne Käufer bereits ab Mitte November die Schließung. Und The Verge verwies auf Gerüchte über weitere Entlassungen in diesem Monat, im November und im Januar. Die Entlassungsgerüchte sind unbestätigt, passen aber beide schlecht zu einem leeren COO-Stuhl.
Ein COO mit P&L-Kontrolle wäre genau die Stelle, die mitentscheiden würde, welche Projekte weiterleben. Ist dieser Platz leer, ist für Außenstehende weniger klar, wer bei diesen Studios die Entscheidungen trifft, und das Unternehmen hat lediglich erklärt, mehr mitzuteilen, sobald die Pläne feststehen.
Unser Fazit
Chiangs Abgang ist kein Beweis, dass Xbox keinen Plan hat. Er deutet aber darauf hin, dass der Plan fragiler sein könnte, als die Botschaften vom Juli nahelegten, und dass Microsoft sich nicht erklären will. Wer an bestimmten Xbox-Spielen hängt, sollte die nächste Ankündigung zur COO-Nachfolge und zu Arkane Lyon abwarten, bevor er etwas für sicher hält. Kommt die Nachfolge schnell und gibt es Antworten zu den Studios, wird dies wie ein Holperer wirken. Bleibt der Stuhl bis ins neue Jahr leer, wird es so aussehen, wie wir es vermuten: eine Neuorganisation, die ihrer eigenen Führung davongelaufen ist.
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