Cyberpunks „Release“ 2028 ist eine Statue für 899 Dollar – und genau das ist der Punkt
Die Schlagzeile verspricht 2028 einen neuen Cyberpunk-2077-Release. Es ist ein Sammlerstück, kein Spiel – und zeigt, wie CD Projekt Night City am Leben hält, während The Witcher 4 übernimmt.
Foto: CD PROJEKT RED / Steam (uso editorial)
„Ein brandneuer Cyberpunk-2077-Release ist für 2028 bestätigt.“ Wer diese Schlagzeile flüchtig liest, denkt an einen Nachfolger, eine Erweiterung, vielleicht einen Überraschungstrailer. Wer den Artikel liest, findet eine Lucy-Figur im Maßstab 1:5 samt Preisschild. Diese Lücke zwischen Klick und Inhalt verdient einen genaueren Blick, denn sie verrät mehr über die Strategie von CD Projekt als jede Spielankündigung.
Was tatsächlich angekündigt wurde
Wie Screen Rant berichtet, haben CD Projekt Red und Studio Trigger gemeinsam mit Prime 1 Studio eine Statue von Lucy aus der ersten Staffel von Cyberpunk: Edgerunners aufgelegt. Sie ist ab sofort vorbestellbar, die Auslieferung ist zwischen März und Juni 2028 geplant. Game Rant nennt einen Preis von 899 Dollar. Die Figur hat LED-Beleuchtung im Sockel, die holografischen Koi-Fische und einen austauschbaren „Netrunning“-Kopf mit rot leuchtenden Augen.
Derselbe Artikel räumt ein, dass nach dem jüngsten Start von Edgerunners 2 auf Netflix wohl einige Zeit vergehen wird, bis es an der Cyberpunk-Front etwas Neues gibt. Die Entwicklungsarbeit von CD Projekt Red richtet sich auf The Witcher 4, und Details zur Fortsetzung von Cyberpunk, früher Project Orion, bleiben ein Rätsel. Das ist die eigentliche Nachricht: Night City geht in ein stilles Jahrzehnt im Kleinformat, und die Statue ist der Platzhalter.
Ausmelken oder pflegen? Die Grenze ist dünner, als sie aussieht
Die zynische Lesart liegt auf der Hand: Ein Studio, dessen nächstes großes Spiel noch fern ist, verkauft weiter das letzte. Wir halten „Ausmelken“ hier jedoch für das falsche Wort. Ausmelken setzt voraus, dass etwas versiegt. Cyberpunk 2077 erschien im Dezember 2020 für PlayStation 4, Stadia, Windows und Xbox One, laut Wikipedia, und kam seither auf PS5, Xbox Series X/S, Switch 2 und macOS. Das Spiel hat immer wieder neues Publikum gefunden, und die Welt hat nun einen Anime mit zweiter Staffel im Rücken.
Ein hochpreisiges Sammlerstück für Menschen, die den Anime geliebt haben, ist ehrlich gesagt die am wenigsten aufdringliche Art, eine Marke sichtbar zu halten. Niemand wird zum Kauf gezwungen. Es spaltet keine Spielerschaft, verkauft keine halb fertige Erweiterung und gibt sich nicht als Spiel aus. Verglichen mit dem üblichen Rezept, das Franchise mit billigen Spin-offs und Neuauflagen „warmzuhalten“, wirkt eine teure Statue fast ehrlich.
Das Risiko ist nicht die Statue, sondern die Stille
Hier werden wir skeptisch. Screen Rant weist darauf hin, dass der große Patch zum Start des Animes das letzte Update sein könnte, das Cyberpunk 2077 je erhält. Falls das zutrifft, wird es um das eigentliche Spiel still, während Merchandise und Streaming den Namen im Umlauf halten. Das ist eine vernünftige Staffelübergabe, aber auch eine riskante: Eine Welt lebt von spielbaren Inhalten, nicht von Regalschmuck.
Der naheliegende Vergleich ist The Witcher. Der jüngste RPG-Club-Beitrag von GamesRadar zu The Witcher 3, ein liebevoller Blick auf die Quest A Towerful of Mice, argumentiert, niemand schreibe Nebenquests wie CD Projekt Red, und sowohl The Witcher 3 als auch Cyberpunk 2077 ließen Spieler schnell mitfiebern. Das ist das eigentliche Kapital des Studios, und es lässt sich nicht in Kunstharz gießen. Es steckt im Schreiben, und genau das braucht Night City wieder, wenn der Nachfolger endlich sein Gesicht zeigt.
Die Strategie ist also unter einer Bedingung klug: Merchandise und Anime müssen die Vorfreude auf ein neues Spiel nähren, statt es zu ersetzen. Wenn sich 2028 als das Jahr der Statuen entpuppt und das nächste spielbare Night City noch immer ein Gerücht ist, werden Fans zu Recht das Gefühl haben, dieselbe Welt zweimal verkauft bekommen zu haben.
Unser Fazit
Schlagzeile und Produkt sollte man nicht verwechseln. Der „Release“ 2028 ist ein Sammlerstück und kein Zeichen dafür, dass CD Projekt Cyberpunk überdehnt. Er zeigt, dass das Studio eine Welt vollständig rehabilitiert hat, eine weitere in Produktion ist und die Lücke dazwischen lieber mit etwas Geschmackvollem als mit etwas Überstürztem füllt.
Unser Rat: Wer Lucy liebt und 899 Dollar übrig hat, kann zugreifen. Man sollte aber bedenken, dass es sich um eine Vorbestellung für ein noch in Entwicklung befindliches Produkt handelt und der Hersteller darauf hinweist, dass sich Größe und Gewicht ändern können. Wer auf das nächste Night-City-Spiel wartet, sollte daraus in keine Richtung etwas ableiten. CD Projekt sollte man an dem messen, was es ankündigt, wenn der Nachfolger bereit ist – nicht an dem, was es verkauft, während man wartet.
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